Ulli
Altbenzlenker
- Registriert
- 3. April 2004
- Beiträge
- 5.931
Hallo, liebe Pagodenfreunde,
wie vermutlich jeder von Euch hab auch ich mir nach dem Kauf die Frage gestellt, was mein Fahrzeug wohl für einen Lebenslauf hinter sich hat, bevor es in meinen Händen gelandet ist. Deshalb hierzu mal ein kleiner Bericht:
Nachdem ich den Wagen Ostern dieses Jahres gekauft hatte, interessierte mich natürlich, ob sich neben dem über das vom MB-Classic-Center erhaltene Datenblatt hinaus noch mehr zu dem Fahrzeug in Erfahrung bringen ließ. Schließlich war ich der sechste Besitzer, als ich den 230 SL mit einem abgelesenen Tachostand von rd. 86.000 KM kaufte. Da ich den Originalpappbrief mitbekommen hatte, war also zumindest belegt, wer ihn denn so alles gefahren hatte. Nach einem Blick ins Telefonbuch stellte ich zu meiner Freude fest, daß der damalige (Quasi-)Erstbesitzer, der die Pagode als Jahreswagen kaufte, noch immer unter der gleichen Anschrift wohnte wie bei seinem Fahrzeugkauf vor rund 40 Jahren. Auch einen weiteren Besitzer konnte ich noch unter der gleichen Anschrift ausfindig machen. Echt Glück gehabt und zum Hörer gegriffen...
Und so hört sich die Geschichte an:
Am 24. Oktober 1963 wird bei Mercedes Benz neben einigen anderen auch die Pagode mit der Fg.-Nr. 113042-10-00780 produziert. Das Fahrzeug wird in der Farbe DB 516 G -mittelrot- lackiert und, ausgerüstet mit Hardtop, schwarzem Verdeck, Notsitz und Elfenbeinlenkrad, wenig später ausgeliefert an die MB-Vertretung Gebr. Mappes in Heidelberg. Am Freitag, dem 08.November, wird die Pagode dort als Vorführwagen zugelassen. Drei Tage später, am darauf folgenden Montag, bekommt übrigens in Münster eine junge Mutter Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Dieses Mädchen ist zwischenzeitlich meine Frau.
Am 3. Dezember 1964 kauft der junge Ingenieur Matthias D. aus Mannheim gemeinsam mir seiner Frau und mit Unterstützung seines im gleichen Hause wohnenden Schwiegervaters die Pagode als Jahreswagen. Das Fahrzeug hat beim Kauf 6.000 gelaufen. In den folgenden dreieinhalb Jahren wird der Wagen nur bei gutem Wetter bewegt und für gelegentliche Urlaubsfahrten genutzt, z. B. in den Odenwald. Rund 40.000 KM stehen auf der Uhr, als der 230 SL zwar in der Familie bleibt, aber auf den Schwiegervater, Bäckermeister Johannes J., unter gleicher Anschrift umgeschrieben wird. Der fährt den Wagen bis zum 28.12.88. Dann wird die Pagode bei einem Kilometerstand von rd. 76.000 mit eingeklapptem Verdeck und aufgesetztem Hardtop in die Garage gefahren und abgemeldet. Grund ist das Alter ihres Besitzers, der sie deshalb auch insgesamt eher wenig bewegt hat. Trennen möchte man sich von dem Wagen nicht; nein, später soll ihn mal der Enkel bekommen. Der Beginn eines fast zehnjährigen Dornröschenschlafs... Die Spuren der Zeit nagen in den folgenden Jahren immer deutlicher am Fahrzeug, zumal der Standplatz wohl auch nicht richtig trocken zu sein scheint. Das eingeklappte Verdeck vermodert im Verdeckkasten, ebenso nahezu das gesamte Interieur. Blech und Chrom fallen in weiten Teilen dem Rostfraß zum Opfer. Das Innenleben und der Rest des Fahrzeuges sind von einem natürlichen Grün überzogen, als den Besitzern so langsam klar wird, dass der Enkel den Wagen nicht mal so eben zur Spazierfahrt aus der Garage rollen kann, sondern dass hier handfeste Wiederbelebungsmaßnahmen nötig sind, die auch ein gewisses finanzielles Engagement erfordern. Also entschließt man sich zum Verkauf. Ganze 400 m weiter wohnt Thomas W. Der kauft das Fahrzeug im Jahre 1997 und baut es mit Hilfe seines ebenfalls um die Ecke wohnenden Freundes wieder auf. Blecharbeiten an der Bodengruppe und am Karrosserieaufbau folgen. Sitze werden neu bezogen, das Verdeck erneuert und der Teppichboden getauscht. Der Chrom ist in weiten Teilen nicht mehr zu retten und wird erneuert. Lediglich Achsen und Motor bleiben unangetastet. Ohne Probleme besteht der 230 SL die Wiederzulassung und die H-Abnahme und rollt ab dem Sommer 97 wieder über deutsche Strassen. Anfang Juni 2000 und mit 82.000 KM auf der Uhr erfolgt dann schon der Weiterverkauf. Der neue Besitzer wohnt an der Nordsee, so daß sich die Pagode nach 37 Jahren im gleichen Mannheimer Wohnviertel nun an eine neue Umgebung gewöhnen muß. Dort wird sie in den kommenden knapp vier Jahren noch einmal knapp 4.000 KM bewegt. Der neue Besitzer mag zwar sein Auto, aber das allein reicht nicht. Die Wartung vor Ort erfolgt durch einen Händler, der sich auch mit Oldtimern beschäftigt. Vieles wird aber mehr schlecht als recht gemacht. Auch hinterläßt die salzhaltige Luft z. T. deutliche Spuren am Chrom. Als der Besitzer aus beruflichen Gründen nicht mehr genügend Zeit findet, das Fahrzeug zu bewegen, entschließt er sich schweren Herzens zum Verkauf. Und so sticht mir im März dieses Jahres eine entsprechende Anzeige von mobile.de ins Auge. Nach eingehender Besichtigung und zahlreichen schlaflosen Nächten kaufe ich den 230 SL schließlich, mit - wie ich jetzt weiß - sagenhaften originalen 86.000 KM und einem Motor, der außer einer getauschten Zylinderkopfdichtung in den ganzen 41 Jahren noch nie geöffnet war. Mit Hilfe einer Werkstatt in der näheren Umgebung, die auch MB-Oldtimern wartet, wurden die bestehenden Wehwehchen und Versäumnisse der Vorbesitzerphase im Wesentlichen beseitigt und bis heute rund 4000 KM mehr oder weniger problemlos zurückgelegt. Und das soll auch in Zukunft so bleiben, habe ich doch jetzt die Erkenntnis, daß viele Einträge im Brief nicht unbedingt etwas Nachteiliges bedeuten müssen.
Mit besten Pagodengrüßen
Ahnenforscher Ulli
wie vermutlich jeder von Euch hab auch ich mir nach dem Kauf die Frage gestellt, was mein Fahrzeug wohl für einen Lebenslauf hinter sich hat, bevor es in meinen Händen gelandet ist. Deshalb hierzu mal ein kleiner Bericht:
Nachdem ich den Wagen Ostern dieses Jahres gekauft hatte, interessierte mich natürlich, ob sich neben dem über das vom MB-Classic-Center erhaltene Datenblatt hinaus noch mehr zu dem Fahrzeug in Erfahrung bringen ließ. Schließlich war ich der sechste Besitzer, als ich den 230 SL mit einem abgelesenen Tachostand von rd. 86.000 KM kaufte. Da ich den Originalpappbrief mitbekommen hatte, war also zumindest belegt, wer ihn denn so alles gefahren hatte. Nach einem Blick ins Telefonbuch stellte ich zu meiner Freude fest, daß der damalige (Quasi-)Erstbesitzer, der die Pagode als Jahreswagen kaufte, noch immer unter der gleichen Anschrift wohnte wie bei seinem Fahrzeugkauf vor rund 40 Jahren. Auch einen weiteren Besitzer konnte ich noch unter der gleichen Anschrift ausfindig machen. Echt Glück gehabt und zum Hörer gegriffen...
Und so hört sich die Geschichte an:
Am 24. Oktober 1963 wird bei Mercedes Benz neben einigen anderen auch die Pagode mit der Fg.-Nr. 113042-10-00780 produziert. Das Fahrzeug wird in der Farbe DB 516 G -mittelrot- lackiert und, ausgerüstet mit Hardtop, schwarzem Verdeck, Notsitz und Elfenbeinlenkrad, wenig später ausgeliefert an die MB-Vertretung Gebr. Mappes in Heidelberg. Am Freitag, dem 08.November, wird die Pagode dort als Vorführwagen zugelassen. Drei Tage später, am darauf folgenden Montag, bekommt übrigens in Münster eine junge Mutter Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Dieses Mädchen ist zwischenzeitlich meine Frau.
Am 3. Dezember 1964 kauft der junge Ingenieur Matthias D. aus Mannheim gemeinsam mir seiner Frau und mit Unterstützung seines im gleichen Hause wohnenden Schwiegervaters die Pagode als Jahreswagen. Das Fahrzeug hat beim Kauf 6.000 gelaufen. In den folgenden dreieinhalb Jahren wird der Wagen nur bei gutem Wetter bewegt und für gelegentliche Urlaubsfahrten genutzt, z. B. in den Odenwald. Rund 40.000 KM stehen auf der Uhr, als der 230 SL zwar in der Familie bleibt, aber auf den Schwiegervater, Bäckermeister Johannes J., unter gleicher Anschrift umgeschrieben wird. Der fährt den Wagen bis zum 28.12.88. Dann wird die Pagode bei einem Kilometerstand von rd. 76.000 mit eingeklapptem Verdeck und aufgesetztem Hardtop in die Garage gefahren und abgemeldet. Grund ist das Alter ihres Besitzers, der sie deshalb auch insgesamt eher wenig bewegt hat. Trennen möchte man sich von dem Wagen nicht; nein, später soll ihn mal der Enkel bekommen. Der Beginn eines fast zehnjährigen Dornröschenschlafs... Die Spuren der Zeit nagen in den folgenden Jahren immer deutlicher am Fahrzeug, zumal der Standplatz wohl auch nicht richtig trocken zu sein scheint. Das eingeklappte Verdeck vermodert im Verdeckkasten, ebenso nahezu das gesamte Interieur. Blech und Chrom fallen in weiten Teilen dem Rostfraß zum Opfer. Das Innenleben und der Rest des Fahrzeuges sind von einem natürlichen Grün überzogen, als den Besitzern so langsam klar wird, dass der Enkel den Wagen nicht mal so eben zur Spazierfahrt aus der Garage rollen kann, sondern dass hier handfeste Wiederbelebungsmaßnahmen nötig sind, die auch ein gewisses finanzielles Engagement erfordern. Also entschließt man sich zum Verkauf. Ganze 400 m weiter wohnt Thomas W. Der kauft das Fahrzeug im Jahre 1997 und baut es mit Hilfe seines ebenfalls um die Ecke wohnenden Freundes wieder auf. Blecharbeiten an der Bodengruppe und am Karrosserieaufbau folgen. Sitze werden neu bezogen, das Verdeck erneuert und der Teppichboden getauscht. Der Chrom ist in weiten Teilen nicht mehr zu retten und wird erneuert. Lediglich Achsen und Motor bleiben unangetastet. Ohne Probleme besteht der 230 SL die Wiederzulassung und die H-Abnahme und rollt ab dem Sommer 97 wieder über deutsche Strassen. Anfang Juni 2000 und mit 82.000 KM auf der Uhr erfolgt dann schon der Weiterverkauf. Der neue Besitzer wohnt an der Nordsee, so daß sich die Pagode nach 37 Jahren im gleichen Mannheimer Wohnviertel nun an eine neue Umgebung gewöhnen muß. Dort wird sie in den kommenden knapp vier Jahren noch einmal knapp 4.000 KM bewegt. Der neue Besitzer mag zwar sein Auto, aber das allein reicht nicht. Die Wartung vor Ort erfolgt durch einen Händler, der sich auch mit Oldtimern beschäftigt. Vieles wird aber mehr schlecht als recht gemacht. Auch hinterläßt die salzhaltige Luft z. T. deutliche Spuren am Chrom. Als der Besitzer aus beruflichen Gründen nicht mehr genügend Zeit findet, das Fahrzeug zu bewegen, entschließt er sich schweren Herzens zum Verkauf. Und so sticht mir im März dieses Jahres eine entsprechende Anzeige von mobile.de ins Auge. Nach eingehender Besichtigung und zahlreichen schlaflosen Nächten kaufe ich den 230 SL schließlich, mit - wie ich jetzt weiß - sagenhaften originalen 86.000 KM und einem Motor, der außer einer getauschten Zylinderkopfdichtung in den ganzen 41 Jahren noch nie geöffnet war. Mit Hilfe einer Werkstatt in der näheren Umgebung, die auch MB-Oldtimern wartet, wurden die bestehenden Wehwehchen und Versäumnisse der Vorbesitzerphase im Wesentlichen beseitigt und bis heute rund 4000 KM mehr oder weniger problemlos zurückgelegt. Und das soll auch in Zukunft so bleiben, habe ich doch jetzt die Erkenntnis, daß viele Einträge im Brief nicht unbedingt etwas Nachteiliges bedeuten müssen.
Mit besten Pagodengrüßen
Ahnenforscher Ulli
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