Servus zusammen,
Big News, was lange währt wird endlich gut, oder so ähnlich, denn gerade erhalte ich die Belegmuster der 230 SL Betriebsanleitungen von der Druckerei.
Wie schon oben erwähnt, konnten wir – und hier meine ich den SL-Club Pagode – Mercedes-Benz überzeugen, sowohl die Ausgabe "A" vom 1963 als auch die Ausgabe "C" von 1966 wieder neu aufzulegen, und zwar exakt im Original wie sie ab 1963 in den Bordmappen der 230 SL lagen.
Die Ausgabe "A" ist vom Mai 1963 und historisch bedeutsam, weil für Mercedes-Benz die Einführung des neuen Sportwagens auch der Höhepunkt für einen mutigen Imagewechsel war.
Dieser Paradigmenwechsel ist nirgends besser sichtbar als im direkten Vergleich der Betriebsanleitungen vom 190 SL und 230 SL, siehe unten. Statt technisch-kalt, schwarz-weiß und mit der strengen Antiqua Schriftart im Hochformat präsentierte sich der 230 SL – und damit Mercedes-Benz – im Querformat und mit einem ultratrendigen Türkis farbiger, moderner, lockerer, frischer und zukunftsweisend, cool eben. Ein großer Wurf, der bis heute nachhallt.
Das Marketing lief besser als der Plan, nur mit dem Anlauf der Serienproduktion hakte es.
Im Februar 1963, also kurz vor der Premiere vom 230 SL in Genf, tauchten massive Hitzeprobleme auf und Versuchsingenieur Wolfram Dahm riet zum Einbau eines Ölkühlers. Wird schon nicht so schlimm werden, beruhigte Professor Nallinger, Chef der Konstruktion, Entwicklung und Versuch,
kein Kunde fährt 20 km weit mit Vollgas, heißt übersetzt, kein Ölkühler in der Serie,
nur keine Unruhe in den Vertrieb bringen; im Nachhinein eine unglückliche Entscheidung, meint Günter Engelen.
Im März war der 230 SL dann "die" Sensation im Genfer Autosalon und der Professor mit den Nerven aus Stahlseil überredete den Vorstand mit eben diesen technisch unausgereiften 230 SL an der Rallye Spa-Sofia-Lüttich teilzunehmen, ein enormes Risiko, was dann aber zu einer noch größeren Sensation führte: Eugen Böhringer kam im August als strahlender Sieger grinsend und mit einem kaputten Scheinwerfer nach Stuttgart zurück und der 230 SL war dann bei der IAA im September plötzlich ein Rennauto und die Auftragsbücher voll.
Im Oktober kam es auf der technischen Seite dann ganz dick, als sich zu der Hitze im Motor und gefressenen Kolben noch massive Fahrwerksprobleme gesellten. Der perfekte Sturm. Professor Nallinger schreibt in einem Brandbrief an die Herren Uhlenhaut, Müller und Wilfert,
"dass in solchem Zustand die Serie auf gar keinen Fall anlaufen darf" – was in der Sprache von Mercedes-Benz etwa so viel heißt wie ab sofort gibt es keinen Feierabend mehr.
Nach vielen schlaflosen Nächten in Sindelfingen lief die Serie dann doch hoch, holprig, mit vielen Änderungen in letzter Minute und mit vielen Austauschmotoren in den darauffolgenden Jahren.
Warum ist das alles von Bedeutung im Zusammenhang mit der Betriebsanleitung?
Nun, ja, weil die Ausgabe "A" zum Zeitpunkt des Brandbriefes vom Herrn Professor schon seit Monaten gedruckt und damit viel früher fertig war als der 230 SL; und mit all den unerwarteten Schwierigkeiten in der Produktion war diese Betriebsanleitung schon vor dem Anlauf der Serienproduktion technisch überholt, eine türkise Mauritius sozusagen.
Beim genauen Hinsehen ist das Ergebnis dieser vielen schlaflosen Nächte in Sindelfingen noch immer im Vergleich der ersten, verfrühten Ausgabe „A“ mit der späteren, technisch-weiterentwickelten Ausgabe "C" erkennbar.
Die Ausgabe "C" vom Januar 1966 umfasst 72 Seiten, zehn Seiten mehr als noch drei Jahre zuvor, ist flüssiger strukturiert und mit weiteren Kapiteln ausführlicher, wie zum Beispiel
• Automatisches Getriebe
• Servolenkung
• Leuchten in Sealed-Beam-Ausführung für USA
Zudem ist das Kapitel
Betriebsstoffe in der Ausgabe "C" umfangreicher und detaillierter; in der Übersicht der Schmierstoffe sind die freigegebenen Motorenöle sogar farblich hervorgehoben und im Anhang ist eine sehr lange Liste mit hunderten freigegebenen Ölsorten, damit ja keine Missverständnisse aufkommen.
Aber es sind vor allen die Unterschiede in den
Schmier- und Wartungsplänen, die das Drama von 1963 noch erahnen lassen, siehe unten. Das ursprüngliche Versprechen „
Kundendienst nur alle 9 000 km“ ist ganz verschwunden, war ohnehin Wunschdenken und eigentlich nur ein Marketing-Wortspiel, denn der 230 SL musste am Anfang alle 3 000 km in die Werkstatt, zumindest für einen "
kleinen Schmierdienst", der aber nicht als "
Kundendienst" zählte; in 1966 sind es dann alle 5 000 km mit zumindest einer "
Zwischendurchsicht", die auch nicht als Kundendienst zählte – aber unterm Strich sind die Werkstattbesuche in den ersten 25 000 km von ursprünglich neun auf sechs in 1966 gesunken. Das heißt, ein Vielfahrer musste seinen 230 SL am Anfang monatlich überprüfen lassen. Kaum mehr vorstellbar.
Trotzdem, der Lohn der Angst ist, dass der 230 SL Automobilgeschichte geschrieben hat und vom ganzen Stress in 1963 nur noch Anekdoten übriggeblieben sind.
So, wieder im hier und jetzt, die guten Stücke gingen von der Druckerei zeitgleich an den SL-Club Pagode und sollten in den nächsten Tagen im Clubshop endlich als Paket der beiden Ausgaben bestellbar sein.
An dieser Stelle ist es mir ein tiefes Bedürfnis dem Team bei der Druckerei sehr herzlichen zu danken, die nichts unversucht ließen, um die ursprüngliche Qualität wiederherzustellen, dem Vorstand vom SL-Club Pagode für die nimmermüde Diplomatie mit allen Beteiligten und nicht zuletzt danke ich Mercedes-Benz, die dieses fantastische und einzigartige Projekt überhaupt erst möglich gemacht haben. Dankeschön.
Und den Interessierten wünsche ich viel Spaß beim Lesen und Vergleichen.
Herzlichst,
Tom
